Presse
SUCHE IM ARCHIV
FESTIVAL "WIR NENNEN ES HAMBURG": Widerborstig und kratzbürstig Etwa 300 Künstler beteiligen sich an einem Hamburger Festival, das die Theaterfabrik Kampnagel und der Kunstverein ausrichten. Zum Auftakt verspricht die Radiokunst-Gruppe Ligna nichts weniger als den neuen Menschen.
Kunst und Stadtmarketing, manchen mag das erstaunen, vertragen sich gar nicht immer – und immer wenn das so ist, ist die Kunst stolz: stolz darauf, widerborstig und kratzbürstig geblieben zu sein in Städten, aus denen längst Standorte geworden sind und langsam Marken werden. Zu stolz also, um sich als Eventproduzent und Imagefaktor benutzen zu lassen.
Widerborstig und kratzbürstig klingt denn auch der Titel eines Hamburger Festivals mit etwa 300 Künstlern, das die Theaterfabrik Kampnagel und der Kunstverein vom 11. Oktober bis 4. Januar organisieren: "Wir nennen es Hamburg". Ein trotziger, betont subjektiver Ruf aus der Stadt, die sich mit der Elbphilharmonie ein kulturelles Leuchtturmprojekt baut.
"Kultur steht in Hamburg eigentlich nicht an erster Stelle", sagt Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard, "sie wird hier nicht besonders gut gefördert." Auffallend viele Künstler der Hansestadt arbeiteten daher spartenübergreifend: "Es gibt eine Notwendigkeit für Bündnisse." Auf diesen interdisziplinären Ansätzen liegt der Fokus des Festivals, zu dessen Höhepunkten einige der Konzerte, etwa von Sterne-Frontmann Frank Spilker, ebenso zählen dürften wie das Musiktheater-Projekt "Hamburg Requiem" mit Julia Hummer und dem ehemaligen Selig-Sänger Jan Plewka.
Zur Eröffnung des Festivals am 11. Oktober gestaltet die Radiokunst-Gruppe Ligna (www.ligna.blogspot.com) die interaktive Performance "Der neue Mensch". Die Besucher hören über Kopfhörer ein Hörspiel, das ihnen Gesten und Bewegungen vorschlägt, orientiert an den Visionen vier berühmter Männer: an den Lehrstücken Bertolt Brechts, der Biomechanik des russischen Theaterreformers Wsewolod Meyerhold, den Bewegungschören des ungarischen Choreografen und Tanzpädagogen Rudolf Laban und der Stummfilm-Komik Charlie Chaplins. Die Regieanweisungen kommen also aus dem Radio, und die Besucher sind die Schauspieler: Jeder spielt für die anderen – und gleichzeitig schaut jeder den anderen dabei zu, wie sie spielen.
Ligna unterteilt die Besucher zudem in vier Gruppen, die jeweils einen anderen Teil des Hörspiels hören. Jede Viertelstunde wechselt das Programm, so dass am Ende jede Gruppe das komplette Hörspiel gehört hat. Ligna-Mitglied Ole Frahm rechnet damit, dass viele der Besucher das Prinzip zunächst nicht durchschauen, und erwartet daher "traumartige Déjà-vu-Situationen". Aufgeführt wird schließlich vier Mal dasselbe Stück, nur in unterschiedlicher Besetzung.

Bekannt geworden ist Ligna mit sogenannten Radioballetten: Dabei werden Menschen auf Straßen oder Plätzen mit Ansagen über Kopfhörer so koordiniert, dass sie kollektiv die Regeln des Raums brechen und damit gesellschaftliche Normen. "Viele Künstler in Hamburg kommen wie wir aus dem politischen Feld", sagt Ole Frahm. Darin liege ein weiterer Grund dafür, dass es in der Hansestadt so viele interdisziplinäre Ansätze gebe: Abseits der Schutzräume Museum und Theater zählt die Vision, nicht die Sparte.
(Tobias Becker)
NACH OBEN
NEWSLETTER
E-MAIL-ADRESSE EINGEBEN
[e]
login | Banner