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Ligna: Auf Kommando wenden wir uns gegen die Einheitsbewegung Auf Kommando wenden wir uns gegen die Einheitsbewegung

13. Oktober 2008

Kampnagel: Kunst- und Performancefestival startet
Drei propagieren die Einheitsbewegung, folgen ihrer jeweiligen Vision. Und einer springt dazwischen. Charlie Chaplin waren gleichgeschaltete Menschheitsutopien stets suspekt. Der eigenständig denkende Individualist stolperte meist gegen den Strom und ging mit Komik auf ironische Distanz. Eine Distanz, die auch die Gruppe Ligna in ihr besonderes Performance-Setting eingebaut hat. Das lässt den Zuschauer, genau genommen den Zuhörer, zum Akteur werden.

Den umgehängten Radiosender auf Empfang geschaltet, erhält der einzelne Anweisungen über Kopfhörer: Den Raum erkunden, die Arme ausbreiten, sich gegen die nackte Wand stemmen. Hört sich mit Bertolt Brechts Lehrstücktheater rufen: "Bühne sei Fernrohr, Bühne sei Lupe", springt dank Wsewolod Meyerholds mit geballter Kraft in die Luft und jagt, Rudolf von Labans Antriebslehre folgend, mit peitschenden Schlägen einen tänzelnden Chaplin durch den Raum.

Brecht, Meyerhold und von Laban sind die drei Utopisten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Kunst, die Bühne revolutionierten und einen neuen Menschen schaffen wollten.
Wo sind diese Hoffnungen geblieben? Welche Funktion erfüllt das Theater heute? Die Inszenierung "Der neue Mensch. Vier Übungen in utopischen Bewegungen", die zum Auftakt des Festivals "Wir nennen es Hamburg" auf Kampnagel uraufgeführt wurde, greift die Ideen von damals samt ihrer Gesten auf, stellt Fragen in einem Theater ohne Bühne und ohne Schauspieler. Ein leerer Raum, gefüllt mit Menschen, die sich für den Außenstehenden auf geheimes Kommando anfangen zu bewegen.

Was sich für die Teilnehmenden anfangs noch chaotisch anfühlt, fügt sich zu einer Choreografie. Ich sehe Leute, die die gleiche Bewegung machen wie ich selbst. Das Publikum teilt sich in vier Gruppen, vier unterschiedliche Bewegungsansätze begegnen sich, reiben sich aneinander. Nach etwa 15 Minuten drehen wir uns um die eigene Achse, neues Spiel, neues Glück, und wechseln in eine andere Utopie, die wir zuvor bereits peripher in den Bewegungen um uns herum wahrgenommen haben, durchlaufen Stück für Stück den gesamten hier aufgespannten Theaterkosmos, erfahren neben den Gesten auch etwas über die jeweilige Geschichte.

Mit ihrem Inszenierungsformat der Radio-Performance haben die Medientheoretiker und Künstler der Hamburger Gruppe Ligna, Ole Frahm, Michael Hueners, Torsten Michaelsen, ein eigenes Genre entwickelt. Bekannt geworden ist die Gruppe mit ihrem Radio-Ballett, das an öffentlichen Orten, in Fußgängerzonen und Bahnhöfen in verschiedenen Städten Aufsehen erregte. Über ein spaßiges Mitmachtheater geht ihre Form der Interaktion weit hinaus. Das macht Ligna zum Charlie Chaplin aller hehren Community-Projekte, die heute wie Pilze aus dem Boden sprießen. Und der wird dringend gebraucht.
ik
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