Presse
HAMBURG REQUIEM: Auf das Elb-Sodom folgt die Auferstehung
Das Künstler-Duo Komponist Jan Dvorak und Regisseur Thomas Fiedler nennt seine multimediale Weltuntergangsvision provokativ "Hamburg Requiem". Am Freitag ist auf Kampnagel Premiere
Man stelle sich vor: Die Hansestadt versinkt im Chaos. Der radikale Temperaturanstieg der vergangenen Tage bringt das Wasser der Elbe beinahe zum Kochen. Die Bevölkerung gerät bereits in Panik. In einigen Stadtteilen ist es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen gekommen. Pöseldorf wird von Straßengangs geplündert. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof erheben sich die Toten aus den Gräbern und wandeln unter den Lebenden.
Passend zum jüngsten Schwarzen Freitag an den Börsen haben der Hamburger Komponist Jan Dvorak und der Regisseur Thomas Fiedler dieses düstere Zukunftsszenario entworfen. Am kommenden Freitag hat ihre multimediale Weltuntergangsvision unter dem Titel "Hamburg Requiem" auf Kampnagel Premiere.
Bereits der gemeinsame Name, unter dem das Künstlerduo Dvorak/Fiedler agiert, scheint Schlimmes zu verheißen. Die beiden nennen sich "Kommando Himmelfahrt". Doch spricht daraus nicht der offene Zynismus der Soldatensprache. Fiedler und Dvorak meinen das durchaus wörtlich: "Wir arbeiten an positiven Utopien", erklärt Dvorak dem verdutzten Interviewer. Die letzten Fragen der Menschen, Tod, Auferstehung und ewiges Leben, sind das Thema dieses Künstlergespanns. So ist die gigantische Katastrophe auch nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Paradies: Nach dem genüsslich zelebrierten Untergang des moralisch verkommenen und geldgeilen Elb-Sodoms folgt als letzte Nummer der "Future Music Picture Show" eine Auferstehung wie aus dem Bilderbuch. Hamburg wird, was es schon immer sein wollte: Eine Welthauptstadt, bewohnt von neu geborenen Menschen, die sich alle lieb haben, nicht alt werden und niemals sterben.
Nun sind die Hamburger inzwischen ja gewohnt, dass in dieser Stadt vieles schöngeredet wird, aber in Dvorak und Fiedler finden selbst PR-geschulte Kulturoffizielle ihre Meister: "Nein", erklärt Dvorak, "uns geht es nicht um Ironie. Heutzutage sind alle nur ironisch. Wir wollen mit einer gewissen Naivität sagen, was schön wäre."
Gegen den Trend der postmodernen, postutopistischen, post-was-nicht-alles Gesellschaft rufen Dvorak und Fiedler mit voller Inbrunst heraus, wonach ihr Herz verlangt. Dass sich dem Publikum bei so viel Pathos an manchen Stellen die Nackenhaare sträuben, gehört zum Konzept. Wenn selbst das Urinieren auf offener Bühne abgeklärt zur Kenntnis genommen wird, provoziert eben nur noch echte Einfalt.
Die Musik, die Jan Dvorak für das "Hamburg Requiem" komponiert hat, ist denn auch auf weiten Strecken herausfordernd schlicht. Der Drummer seiner Pop-Band "Ten ta to" beschränkt sich auf Grooves, die auch Ringo Starr fehlerfrei hinbekommen hätte, und statt Zwölftonreihen hört man einfache Akkordverbindungen. Um sich selbst zur Einfachheit zu erziehen, hat der gelernte Pianist Dvorak seine Musik bewusst nur mit der Gitarre komponiert.
Wenn das "Hamburg Requiem" im Ergebnis trotzdem ein hochkomplexes Gesamtkunstwerk geworden ist, liegt das vor allem an der Mischung der Elemente. Zur Musik von Dvorak und den Texten von Fiedler kommen Fotos des niederländischen Fotografen Will van Iersel, die auf eine Leinwand an der Saal-Rückseite projiziert werden.
Auf der Bühne von K6 stehen die Schauspieler Julia Hummer und Jan Plewka sowie ein Ensemble aus der Harburger Kantorei, dem Kammerchor Altona, dem Posaunenchor der Kreuzkirche Ottensen, "Ten ta to" und dem Neue-Musik-Ensemble "trio sonar".
Ebenso bunt gemischt wie das Ensemble sind die stilistischen Einflüsse, die Dvorak in seiner Musik verarbeitet. Nach dem Vorbild der Konzeptalben britischer Art-Rockbands türmt er mehrere Schichten übereinander: In besonders utopischen Momenten erklingen neutönerische Einsprengsel vom Streichtrio. Und über der Begleitung von E-Gitarre und Drums sind quasi-barocke Chorsätze à la Johann Sebastian Bach zu hören.
Denn der alte Bach bleibt nach Ansicht des Hamburger Bachpreisträgers 2007, Jan Dvorak, das Maß aller Dinge, wenn es um die besagten letzten wichtigen Menschenfragen geht. Das Fazit des Bach-Fans: "Seine Musik packt einen, selbst wenn man nicht religiös ist."
(Ilja Stefan)
NACH OBEN