A broadly grinning white man with short red hair and beard, tunnel earrings and tattoos on his arms wears a black T-shirt with the inscription "JOY AS RESISTANCE".
© Dan Daw
A broadly grinning white man with short red hair and beard, tunnel earrings and tattoos on his arms wears a black T-shirt with the inscription "JOY AS RESISTANCE".
Dialog

[K]onversations mit Dan Daw

Dan Daw arbeitete u. a. für das Australian Dance Theatre und die Candoco Dance Company. Im Frühjahr 2023 beginnen Dan Daw und Kampnagel ein künstlerisches Modellprojekt für mehr Barrierefreiheit. Die Kampnagel-Dramaturginnen Alina Buchberger und Melanie Zimmermann haben mit ihm über seine Arbeit, sein Verständnis von Disabled Leadership und seine Vision zur Kooperation mit Kampnagel gesprochen.

Dan, du leitest deine eigene Company und entwickelst mit deinem Team eine ganz eigene Ästhetik. Wie sehr unterscheidet sich dieses Arbeiten von deinen Erfahrungen in anderen Projekten?

Es fühlt sich toll an, meine Leute gefunden zu haben – Leute, denen ich vertrauen kann und die meine Werte teilen. Großbritannien sind für die Produktion eines Stücks üblicherweise 4–5 Wochen angesetzt. Ich dagegen bevorzuge 12–16 Wochen. Als Künstler mit Behinderung ein Team zu leiten und eigene Regeln aufzustellen, ist befreiend. Wenn Kooperationspartner unsere Regeln nicht akzeptieren, dann gehen wir eben woandershin. Jahrelang habe ich vergeblich versucht, meine Perspektive zu teilen. Jetzt kann ich mich darauf konzentrieren, mit meinem Team etwas Neues zu kreieren.

Die Projekte von dir und deinem Team sind frech, sie fordern heraus und provozieren. Wie wichtig ist dir diese ästhetische Freiheit?

Je älter und erfahrener ich als Künstler und Aktivist werde, desto weniger will ich mich für mich und meine Arbeit entschuldigen. Wichtiger ist mir, das auszudrücken,
was ich wirklich sagen will. Egal ob es den Leuten gefällt oder nicht. Klar hilft es mir, meine Miete zahlen zu können, wenn die Leute meine Arbeit mögen, aber
das ist nicht mein Hauptanliegen.

Du bezeichnest dich selbst als behinderten Leiter. Was bedeutet Disabled Leadership in Bezug auf die Zusammenarbeit mit deinem Team?

Beim Entwickeln neuer Projekte mit meinem Team ist das ein durchaus filigraner Prozess. Als wir THE DAN DAW SHOW entwickelt haben, hatten wir lange Diskussionen darüber, was im Text steht und was nicht. Wir haben hinterfragt, was diese Wörter für jede einzelne Person bedeuten. Als ich an der Reihe war, meine Sicht zu erklären, konnten die anderen das nachvollziehen: Sich so umeinander zu kümmern und einig darüber zu sein, was wir ausdrücken und wie wir es bestmöglich dem Publikum vermitteln wollen. Alle im Team von Anfang an miteinzubeziehen, ist wichtig und im Grunde sehr einfach, damit wir auf der gleichen Wellenlänge sind. Ein Team anzuführen, kann aber auch beängstigend sein. Sich trauen, Dinge anders zu machen. Unseren Zuschauer*innen ermöglichen, sich vor der Show mit dem Bühnenbild, dem Licht, der Musik usw. vertraut zu machen, gehört für mich genauso zum Führungsverständnis. Mir von anderen helfen zu lassen, lerne ich noch. Gerade im Arbeitsumfeld wird das Fragen nach Unterstützung noch immer als Schwäche aufgefasst. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Um Hilfe zu bitten, drückt Stärke aus und wir ermutigen uns gegenseitig dazu. Fürsorge kann so zu Unabhängigkeit führen.

Das Programm für inklusive Kunst-Praxis der Kulturstiftung des Bundes fördert eine dreijährige Kooperation zwischen Dan Daw Creative Projects und Kampnagel. Welchen Einfluss wird diese institutionelle Rahmung auf eure künstlerische Arbeit und unsere Zusammenarbeit nehmen?

Antworten auf diese Frage zu erhalten, wird den Großteil unserer Kooperation ausmachen. Wie gut funktioniert unsere Zusammenarbeit unter den Umständen,
die wir vorfinden werden und neben den täglichen Aufgaben, die wir innerhalb dieser Institution zu erledigen haben? Mit Institutionen zusammenzuarbeiten, war in der Vergangenheit herausfordernd für mich, weil sich dadurch Dinge verändern, die zuvor etabliert waren. Mich wird auf Kampnagel die Frage umtreiben, wie wir Freude und Fürsorge in unsere Arbeitsweise integrieren können.

Wie sieht deine Vision für eine »fantastische Institution« aus?

Mit dem Kampnagel-Team möchte ich am liebsten so zusammen arbeiten, als stünden wir zum ersten Mal gemeinsam in diesem Gebäude. Unabhängig davon, was schon war, würden wir einen unbeschriebenen Ort sehen und beginnen, zu überlegen, was wir mit ihm machen wollen, wie wir ihn neu bespielen. Damit Kampnagel in der Gegenwart relevant ist, sollte es voll mit Neuanfängen sein. Und wie gehen wir dabei gegenseitig mit uns um? Am besten mit Liebe, Fürsorge und Freude.