Performer*innen der Produktion »Irresistible Revolution« von Ayelen Parolin interagieren miteinander auf der Bühne.
© Stanislav Dobak
Performer*innen der Produktion »Irresistible Revolution« von Ayelen Parolin interagieren miteinander auf der Bühne.

Ayelen Parolin

Irresistible Revolution

Deutschlandpremiere

k6, 55 Min.

MI 05.08. / 20:15 DO 06.08. / FR 07.08. / SA 08.08. / 19:45
Publikumsgespräch am 06.08. im Anschluss an die Vorstellung

Festivalleiter András Siebold in Gespräch mit Ayelen Parolin.

Was verbindest Du persönlich mit argentinischem Karneval?

Mein erstes Mal Karneval war ein richtiger Schock für mich. Ich wusste nicht, dass so etwas Überbordendes überhaupt möglich ist, es war eine überwältigende Erfahrung. Dieses Gefühl verbinde ich übrigens auch mit meinem ersten Theaterbesuch. Theater und Karneval haben etwas zutiefst Bewegendes, nur der Kontext ist ein anderer. Der Kontext des Karnevals ist die Straße, alle sind dort: Menschen jeden Alters, aus allen sozialen Klassen, die ein gemeinsames Erlebnis teilen. Diese Erinnerungen, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben, wollte ich miteinander verknüpfen.

Charakteristisch für den argentinischen Karnevals sind Murga-Tänze mit Sprüngen, hochgereckten Händen und stampfenden Bewegungen. Wie übersetzt man diese Energie von der Straße auf die Bühne? 

Ich mag es, Situationen umzukehren und aus einer gegenteiligen Perspektive zu betrachten. Deswegen interessieren mich auch Menschen ohne jede tänzerische Ausbildung, die natürlich trotzdem ein Wissen über Bewegung besitzen. Umgekehrt bleibt bei professionellen Tänzer*innen immer auch ein amateurhafter Teil erhalten. Interessant wird es, wenn man diese beiden Seiten miteinander verbindet. Was ich zum Beispiel an der Murga mag, ist die scheinbar unkonrollierte Art sich zu bewegen. Im Gegensatz zum Tanztraining, wo es meist um Kontrolle geht, geht es hier um ein Außer-Kontrolle-Sein. Natürlich ist das nicht völlig chaotisch – vielmehr geht es um ein Gleichgewicht zwischen Kontrollverlust und Kontrolle, zwischen Organisation und Desorganisation. Ich konnte während der Proben manchmal den Geist der Murga spüren, selbst wenn die Form eine andere war. Es ging uns nicht darum, Murga einfach zu kopieren, sondern um die Stimmung und die Wirkung auf die Tänzer*innen, ihren ganz persönlichen Zugang zu Material aus dem Karneval. Grundlegend war dabei vor allem der Rhythmus, der die Bewegungen inspiriert. Der Rhythmus des Karnevals ist für mich unwiderstehlich – etwas, das einen einfach mitreißt.

Eine weitere Inspirationsquelle für Dich war die US-amerikanische Autorin adrienne maree brown und ihr Konzept des Pleasure Activism, des Widerstands durch Freude und Lust. Hier kommen der Protest und die Revolution ins Spiel.

Ja. Ich glaube, meine erste Revolution war über viele Jahre hinweg die Revolte gegen die akademische Art, wie wir Tanz lernen – eine Art des Lernens, die so weit von Freude und Lust entfernt ist. Ich habe immer gedacht: Auf einer Party tanze ich doch aus Freude, ich liebe es zu tanzen. Warum ist der Tanzunterricht so weit davon entfernt? Ich wollte genau diese Freude als Antrieb, aber eben auch mit der politischen Dimension des Protests, die adrienne maree brown aufzeigt und die über den Tanz hinausgeht.

Im Titel der Arbeit steht Revolution. Wie wichtig waren Bewegungen wie erhobene Fäuste etc., die man mit Protesten verbindet?

Bei Protesten gibt es fast immer Musik, Gesang und Tanz. Obwohl es um Protest geht, haben diese Momente etwas Positives, Gemeinschaft stiftendes. Das hat eine enorme Kraft. Wie beim Sport, bei Konzerten oder auch beim Karneval. Beim Protest kommt noch eine weitere Ebene hinzu: Man glaubt an etwas – an Veränderung, an Wandel. Und genau das macht glücklich. Es ist ein Moment, in dem die Menschen ausdrücken, womit sie nicht einverstanden sind, sich gegen Unterdrückung stellen – und das in Liedern, Tänzen und anderen Formen ausdrücken.

Du hast den unwiderstehlichen Rhythmus des Karnevals erwähnt. Für dieses Stück hast du wieder mit dem französischen Komponisten Benoist Bouvot zusammengearbeitet. Wieviel argentinischer Karneval steckt in der Musik?

Sie ist von Samba, Cumbia und Murga inspiriert und stärker in Lateinamerika verwurzelt als alle meine vorherigen Arbeiten. Aber die Musik besteht aus vielen verschiedenen Schichten. Es ist interessanter, wenn sich Musik nicht eindeutig einem Genre zuordnen lässt, sondern irritiert und verschiedene Erinnerungen weckt. Von Anfang an war uns klar, dass wir nicht einfach Karnevalsmusik verwenden wollten. Gleichzeitig wollten wir, dass sie präsent ist. Wenn zu wenig davon vorhanden war, habe ich sie vermisst. War sie zu deutlich, wurde die Verbindung zu direkt und zu offensichtlich. Es ging um ein Gleichgewicht – etwas zugleich zu zeigen und zu verbergen. Dafür war Benoist die gesamte Zeit mit uns im Studio, wir haben gemeinsam improvisiert.

Dein Stück ist geprägt von Spannung, die sich bis zum Ausbruch steigert. Die Tänzer*innen wirken am Anfang, als gäben sie Vollgas mit angezogener Handbremse, was absurde Momente schafft. 

Ich versuche oft mit dem zu arbeiten, was Tänzer*innen normalerweise zu verbergen versuchen. Gewöhnlich verstecken wir Unsicherheit, Zweifel oder peinliche Momente. Mich interessiert es, genau daraus etwas zu machen – etwas Verletzlicheres, etwas Menschlicheres. Wenn wir Choreografien proben, machen wir ständig Fehler. Und diese diese Fehler habe ich in die Choreografie integriert. Das ist mein erstes Stück, in dem sehr viele Dinge gleichzeitig passieren. Früher habe ich eher mit einer klaren Abfolge gearbeitet, dadurch wurde der Blick des Publikums gelenkt. Diesmal ist es anders. Es passiert sehr viel zur selben Zeit und man muss selbst entscheiden, wohin man schaut. Es ist unmöglich, alles gleichzeitig zu sehen.

Das macht extrem viel Spaß, weil du mit diesen eingebauten Fehlern Momente zeigst, die normalerweise verborgen bleiben. Ist es befreiend, über das eigene Scheitern zu lachen?

Ja. Mein Alltag ist oft ziemlich chaotisch. Und ich finde Ehrlichkeit befreiend, auch bei anderen Menschen. Ich sehe mich selbst als jemanden, der scheitert. Und statt nur darunter zu leiden, kann ich auch darüber lachen. Dadurch entsteht ein sicherer Raum. Wenn ich mich so zeige, wie ich bin, und darüber lachen kann, lade ich auch andere dazu ein, das Gleiche zu tun. Dann öffnet sich ein Raum der Möglichkeiten.


BIOGRAFIE

AYELEN PAROLIN (*1976, Buenos Aires, Argentinien) ist eine Choreografin und Tänzerin, die in Brüssel lebt und arbeitet. Sie studierte an der National School of Dance und am San Martin Theatre in Buenos Aires. In Europa wurde sie im Rahmen des e.x.e.r.c.e-Programms in Montpellier ausgebildet. Als Performerin hat sie u.a. für Mathilde Monnier und Alexandra Bachzetsis gearbeitet. Als Choreografin schuf sie etwa zwanzig Stücke, u. a. für die KNCDC - Korean National Contemporary Dance Company (2016), das Ballet national de Marseille (2017), Carte Blanche - Norwegian National Contemporary Dance Company (2019) und CCN Ballet de Lorraine (2024). Mit ihrer eigenen Company Ruda erhielt sie 2016 den SACD-Preis und 2017 den Prix de la Critique. Ayelen Parolin tourt weltweit zu großen Festivals und Bühnen, in Europa spielte sie u.a. im Palais de Tokyo, Kunstenfestivaldesarts, Theatre de la Ville und bei Tanz im August. Ayelen Parolin war von 2017 bis 2020 Artist in Residence bei Charleroi danse und ist seit 2022 Associated Artist am Théâtre National Wallonie-Bruxelles. Darüber hinaus ist sie von 2026 bis 2028 Associated Artist an der La Coursive – Scène Nationale de La Rochelle sowie am 1000 Plateaux – Centre Chorégraphique National de La Rochelle. Auf dem Sommerfestival war sie zuletzt 2024 mit ZONDER zu Gast.


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