This is not Coverstory?
»… weil es nichts gibt, das von Dauer ist, in dieser Welt«
Für die letzte Spielzeit vor der Sanierung, die unter dem Claim »Legends of the Avantgarde« die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft sucht, haben wir die Wiener Performancegruppe God’s Entertainment beauftragt, die Programmheftcover-Serie zu gestalten. Die Künstler*innen von God’s Entertainment sind seit 2007 eng mit Kampnagel verbunden; ihre Perspektive auf die künstlerische und politische Geschichte und Vision des Hauses vereint Insider-Blick ebenso wie Beobachtung aus weiterer Entfernung. Im Kampnagel-Programm sind sie (bzw. ihr »Support-Act« Super Nase & CO) regelmäßig vertreten – u.a. mit Werken ihrer legendären »This is not?«-Reihe, die sich – frei nach Magritte – mit der Überschreibung, Neuinterpretation oder Verbesserung von Werken der einen oder anderen »Avantgarde« beschäftigt. Oder – wie die Künstler*innen selbst schreiben: »Die Doublegenger of the Arts produzieren das Uneindeutige und Irrationale, denn wo es keine Fälschung gibt, kann es auch kein Original geben. Sie kennen weder Hindernisse noch Grenzen, weil es nichts gibt, das von Dauer ist, in dieser Welt.«
Mai / Juni 2026
Support Act of God’s Entertainment
Super Nase & Co: THIS IS NOT GERMANY?
Statement zu »CANCELED«
Tomer Dotan-Dreyfus
Die ursprüngliche Bedeutung des Verbs »to cancel« ist, etwas physisch mit einer Linie zu durchstreichen, es zu löschen; es bezieht sich auf schriftliche Dokumente, auf etwas, das einerseits im Text nicht mehr existiert, dessen Reste aber andererseits bestehen bleiben. Die Leserin oder der Leser stößt weiterhin auf ein Wort, einen Satz, einen Absatz, der durchgestrichen ist. Allein die Vorstellung, welche Dokumente im antiken Rom (woher das Wort bekanntlich aus dem Lateinischen stammt) geändert werden mussten, lässt mich glauben, dass mein Instinkt wäre, unter die durchgestrichenen Worte zu schauen, um zu sehen, was dort steht.
Es gibt einen Unterschied zwischen dem »Canceln« durch eine Person und dem durch einen Staat. Während wir uns immer mehr in Richtung einer Welt bewegen, die eher für Staaten als für Personen gemacht ist – man sehe, wie die Anerkennung des »Existenzrechts« von Staaten eingefordert wird, während gleichzeitig die Existenz von Menschen buchstäblich ausgelöscht wird, um diese Forderung aufrechtzuerhalten – nehmen wir eine staatlich erzeugte »Cancellation« als legitimer wahr als eine von Menschen ausgehende. Die Folgen sind jedoch erheblich unterschiedlich: Wenn wir zur historischen Bedeutung des Verbs zurückkehren, nur um uns das besser vorzustellen, dann macht es keinen großen Unterschied, ob ich einen Brief vom Finanzamt bekomme, in dem steht, dass ich einen bestimmten Betrag schulde, und ich dann mit einem Stift diese Zeile durchstreiche. Aber wenn eine Staatsbeamter meinen Namen von einer bestimmten Liste streicht oder, Gott bewahre, ihn auf eine solche Liste setzt, kann das mein Leben potenziell ruinieren. Ich möchte nicht die von Nicht-Staaten ausgehenden »Cancellations« verharmlosen, sondern nur darauf hinweisen, dass sie anderer Natur sind.
Im Jahr 2024 beauftragte mich die Heinrich-Böll-Stiftung, einen Text zu schreiben, den sie dann jedoch entschieden, nicht zu veröffentlichen. Ironischerweise behandelt der Text die Einschränkung jüdischer Stimmen in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023. Eine israelische Filmemacherin hat einen Film über die Nakba gedreht, genauer gesagt über das Schweigen der Tätergeneration, zu der ihre – und meine – Großeltern gehören. Sie kontaktierte mich wegen eines möglichen Gesprächs nach der Vorführung ihres Films. Um den Abend zu finanzieren, beantragte sie Mittel bei einer Stiftung, deren Anliegen die Förderung der Demokratie ist. Eine der entscheidenden Personen in dieser staatlich finanzierten Stiftung sagte dann in einem privaten Gespräch, man werde nichts finanzieren, in dem mein Name vorkommt – weder jetzt noch in Zukunft.
Wenn der Staat oder seine Institutionen »canceln« – anders als wenn Menschen es tun – ist das Teil eines staatlichen Prozesses zur Definition eines »Wir«. Sie sagen: Diese Künstlerin, dieser Intellektuelle, diese Buchhandlung, diese Person gehört nicht zu diesem neuen »Wir«. Was ist dieses »Wir«? Die Schaffung eines neuen »Wir« ist gewaltsam. Sie trennt, sie entfernt das, was als Unkraut wahrgenommen wird. Aber das Problem mit Unkraut ist: Wir finden immer einen Weg zurück. Ob über den Kompost zurück in die Erde oder durch das Feuer in die Atmosphäre – die Gewalt der Linie wird die Leserin oder Leser immer dazu bringen, darunter zu schauen. Und dort werden wir sein – ein neues »Wir«, unser eigenes, entstanden als Nebenprodukt ihres gewaltsamen Prozesses eines neuen »Wir«, das sie daran erinnert, dass die Fundamente ihres Hauses im Blut der Opfer versinken, die, als wir über sie gesprochen haben, haben sie uns entwurzelt.
Das erinnert mich an Filme wie Poltergeist. Der staatlich finanzierte Ausschluss von Stimmen ist ein Akt kollektiver Verdrängung und Unterdrückung. Doch das Verdrängte kehrt zwangsläufig zurück – in Momenten des Bruchs, in Form von Spasms, in ihren Träumen, in den Fragen, die ihre Kinder ihnen eines Tages stellen werden: Was habt ihr während des Völkermords getan? »Oh, ich habe dafür gesorgt, dass niemand dagegen spricht.« Stellt ihr euch vor – es gibt Menschen auf dieser Welt, deren Antwort genau so lauten wird. Wie sehr müssen sie sich verfolgt (HAUNTED) fühlen. Solidarität mit den »Cancelnden«! Lasst uns ihre »Cancellations« verweigern, damit sie nachts besser schlafen können. Lasst uns ihnen helfen, während sie es nicht schaffen, sich selbst zu helfen!