Trajal Harrell ist vor einem großen Rundbogen zu sehen, sein Gesicht wird von einer Pfauenfeder verdeckt, die er mit beiden Händen hält.
© Christophe Raynaud de Lage
Trajal Harrell ist vor einem großen Rundbogen zu sehen, sein Gesicht wird von einer Pfauenfeder verdeckt, die er mit beiden Händen hält.
Pressemitteilung

Spielzeiteröffnung 2025/2026

Kampnagel eröffnet die Spielzeit 2025/26 mit internationalen Highlights und einem Blick in die Zukunft

Mit dieser Saison schlägt Kampnagel das letzte Kapitel in seiner bisherigen Form auf, bevor ab Herbst 2026 ein umfassender Umbau-und Sanierungsprozess beginnt. Unter dem Motto »Legends of the Avantgarde« richtet Europas größte Produktionsstätte für die Freien Darstellenden Künste den Blick nach vorn – mit einem Programm, das Erinnerungskultur und Zukunftsvisionen verbindet.

Heute wurde im Migrantpolitan das Programm der neuen Spielzeit 2025/26 vorgestellt. Mit dieser Saison schlägt Kampnagel das letzte Kapitel in seiner bisherigen Form auf, bevor ab Herbst 2026 ein umfassender Umbau- und Sanierungsprozess beginnt. Unter dem Motto »Legends of the Avantgarde« richtet Europas größte Produktionsstätte für die Freien Darstellenden Künste den Blick nach vorn – mit einem Programm, das Erinnerungskultur und Zukunftsvisionen verbindet. Es geht um künstlerische Erzählungen jenseits konservativer Narrative, um alte und neue Legenden, die als progressive Gegenentwürfe zur politischen Rechten formuliert werden.

Avantgarde als Erinnerungskultur und Widerstand
Während der Eröffnung vom 25. September bis 4. Oktober 2025 zeigt Kampnagel wichtige Arbeiten international renommierter Künstler*innen: Die New Yorker Tanz-Ikone Trajal Harrell choreografiert in THE ROMEO einen imaginären, epochenübergreifenden Tanz, der universelle Tragödien und Hoffnungen verkörpert. Das Kollektiv La Fleur bricht in DAS PHANTOM DER OPERETTE die glitzernde Oberfläche eines bürgerlichen Genres auf und zeigt, wie Exil, Vertreibung und Hybridität zur subversiven Kraft der Operette wurden. Ein weiterer thematischer Schwerpunkt liegt auf den »Investigative Arts«, die die Kunst als Forschungsfeld neu definieren. Mit forensischen Methoden, digitalen Archiven und künstlerischer Intervention untersucht das Forschungskollektiv Forensic Architecture / Forensis den deutschen Kolonialgenozid in Namibia – gemeinsam mit Nachfahr*innen der Opfer. In Screenings, Performances und Diskussionen wird sichtbar, wie koloniale Gewalt bis heute in Landraub, Armut und ökologischer Zerstörung fortwirkt. Damit verbindet Kampnagel ästhetische Praxis mit einer klaren kulturpolitischen Haltung: Erinnerungskultur als aktive, widerständige Zukunftsarbeit. Auch das brasilianische Kollektiv MEXA setzt starke Akzente: In THE LAST SUPPER entsteht eine Bankett-Performance über queere Marginalisierung und Widerstand. Der iranische Künstler Ashkan Shabani zeigt in der Ausstellung QUEER LIFE FREEDOM Identität und Flucht als fragile, widerständige Prozesse. Im kulturpolitischen Diskurs rückt Kampnagel antifaschistische Theorie und Praxis in den Mittelpunkt: Mit Beiträgen von Claudia Rankine und Vanessa E. Thompson wird ein Gegenkanon an Autor*innen aufgerufen, der Texte und Wissen versammelt, um auf die zunehmende Faschisierung vieler Gesellschaften zu reagieren. Ergänzt wird das Programm um Projekte der Stadtkuratorin Joanna Warsza, die mit Candice Breitz und Esther Shalev-Gerz antifaschistische Gegen-Denkmäler in den Fokus rückt.

Barrierefreie Ästhetiken und das erste Weihnachtsmärchen
Besonderes programmatisches Gewicht am Jahresende erhalten auch Projekte, die dank der auslaufenden Förderung PIK (Programm Inklusive Kunstförderung) der Kulturstiftung des Bundes möglich wurden: ein Meilenstein innerhalb des Themenschwerpunktes im Dezember ist die neue Arbeit EXXY der international tourenden Company Dan Daw Creative Projects, seit drei Jahren Kampnagels Partner im PIK-Programm. Netzwerke wie PIK oder EBA (Europe Beyond Access) haben in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, behinderten Künstler*innen europaweit und auf Kampnagel immer mehr Bühnen und Sichtbarkeit zu verschaffen – behinderte Künstler*innen Ressourcen zur Erforschung neuer ästhetischer Formen, Diskurse und Publika zu geben. Mit dem Abschluss von PIK hört diese Arbeit auf Kampnagel nicht auf! Kampnagel möchte ein kulturpolitisches Zeichen für die nachhaltige Bedeutung von Förderprogrammen setzen, die Barrieren abbauen und künstlerische Vielfalt strukturell verankern.

Ein programmatisches Highlight ist das erste Weihnachtsmärchen auf Kampnagel: FAIR(Y) TALES der Choreografin Regina Rossi richtet sich an Taubes wie hörendes Publikum und eröffnet damit generationsübergreifend neue Zugänge zur Märchen- und Theatertradition. Mit Witz, visueller Kraft und inklusiven Mitteln knüpft diese Produktion an die Kampnagel-Haltung an, Avantgarde und Teilhabe als untrennbar zu denken.

Jahresprogramm: Dekolonial, queer, antifaschistisch
Über die Eröffnung hinaus eröffnet die Spielzeit ein Panorama internationaler und lokaler Avantgarden. Auf der k6 Bühne erwarten das Publikum wie gewohnt zahlreiche weitere Highlights internationaler Bühnenstars: Mazelfreten bringen mit RAVE LUCID ein hochenergetisches Electro-Ballett nach Hamburg, William Forsythe & Ioannis Mandafounis verbinden in einem Doppelabend präzise Strukturen mit improvisatorischer Lebendigkeit, Eun-Me Ahn verdreht in POST-ORIENTALIST EXPRESS LUSTVOLL kulturelle Klischees, und die legendäre Trisha Brown Dance Company holt zentrale Werke der Postmoderne zurück auf die Bühne.

Ab Januar 2026 setzt Kampnagel auf künstlerische Vielfalt und kulturpolitische Relevanz. Der Jahresauftakt steht im Zeichen von Antifaschismus und Erinnerungskultur: Am 16. Januar bringt medico international eine Bühnenshow nach Hamburg, die sich mit Kolonialismus und Grenzpolitik auseinandersetzt. Eine Woche später feiert die Hamburger Regisseurin Mable Preach mit ihrer gefeierten OPERA OF HOPE ein Comeback – ein dekoloniales Musiktheater, das Oper mit Gospel und Community-Arbeit verbindet. Im Februar rückt der Tanz in den Fokus. Internationale Choreografien, Workshops und Diskurse bestimmen das Haus, bevor Ursina Tossi mit E[R]DEN ein neues Werk zeigt, das – inspiriert von Octavia Butler – Berührung als utopische Praxis erforscht. Parallel präsentieren die Tänzer*innen der Bottom Up Dance School (BUDS) ihre Abschlussarbeiten und markieren damit den Nachwuchs im zeitgenössischen Tanz. Mit neuen Shows setzen das radikal-queere Drag-Wrestling-Kollektiv CHOKE HOLE, der französische Regisseur Philippe Quesne (LE PARADOXE DE JOHN) und die Performerin Jessica Teixeira (MONGA) weitere künstlerische Akzente. Gleichzeitig setzt die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft unter dem Titel RADICAL CARE ein starkes Signal für Inklusion und Fürsorge als ästhetische wie politische Praxis.

Der März widmet sich neuen Allianzen und digitalen Formaten: Beim German Creative Economy Summit (GCES) trifft sich erstmals die gesamte deutsche Kreativwirtschaft auf Kampnagel, um Perspektiven für die Zukunft zu verhandeln. Das finnische Kollektiv Oblivia präsentiert mit MOOPA ein digitales Museum der Performancekunst als interaktives Computerspiel, begleitet von einem Creative Technologies Meet-Up. Ebenfalls im Frühjahr zeigt die Choreografin Fernanda Ortiz ihre Arbeit WENN DIE ROTE SONNE GLÜHT, die indigene Identitäten der Guarani ins Zentrum rückt und koloniale Geschichtsschreibung überschreibt.

Sichtbarkeit und urbane Choreografien
Vom 15. bis 19. April feiert das Festival LIMINALITIES trans*, inter und nicht-binäre Perspektiven. Internationale Künstler*innen präsentieren Performances, Musik und Workshops. Mit TRANSTRONICA, dem weltweit ersten rein trans* besetzten elektronischen Musikfestival unter Leitung von Saeleen Bouvar, einem Stadtspaziergang zu Ehren von Angie Stardust und zahlreichen Workshops wird LIMINALITIES zugleich Schutzraum, Labor und Appell gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck.

Ebenfalls im April verwandelt die dänische Choreografin Mette Ingvartsen die große Halle k6 in einen Skatepark. Gemeinsam mit Skater*innen und Tänzer*innen verschmilzt sie in SKATEPARK (16.–18. April) Tanz mit Boardslides, Kickflips und Popkultur – eine rasante Choreografie, die urbane Bewegungskultur als utopische Gemeinschaft sichtbar macht.

Leuchtturm-Festival zum Saison-Abschluss
Den Abschluss der Spielzeit vor Beginn der Umbauphase bildet im Juni 2026 ein neues internationales Festival: die Tanztriennale Hamburg, getragen von Kampnagel, Hamburg Ballett und K3. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, versammelt das Festival eine Woche lang internationale Spitzenproduktionen, neue Formate und partizipative Projekte – von HipHop bis Ballett – und etabliert Hamburg als zentralen Ort für den Tanz im 21. Jahrhundert.

Zukunft schreiben: Rewrite, reclaim, resist!
Mit dieser Spielzeit setzt Kampnagel ein Zeichen: Kunst ist nicht nur ästhetisches Experiment, sondern auch gesellschaftliche Intervention. Ob in Tanz, Performance, Musik oder Diskurs – es geht um ein Fortschreiben von Avantgarde als Haltung: widerständig, solidarisch, zukunftsgerichtet. Mit dem Motto »Rewrite, reclaim, resist!« lädt Kampnagel Künstler*innen und Publikum ein, gemeinsam eine progressive Kulturgeschichte zu erzählen – eine, die die Geister der Vergangenheit nicht vertreibt, sondern sie in die Zukunft fortschreibt.