Liebe Gäste,
»Ich möchte, dass wir uns fragen, wer von unserer Hoffnungslosigkeit profitiert, und dass wir unseren Unterdrückern die Genugtuung unseres Schmerzes verweigern«, schrieb adrienne maree brown. Die US-amerikanische Aktivistin und Autorin fordert dazu auf, sich im Angesicht aller Katastrophen nicht zu ergeben, sondern aktiv zu bleiben, und zwar mit Lust und Freude. Diese sind für brown kein Luxus, sondern die Grundlage für politische Widerstandsbewegungen und Revolutionen. Wenn die dann noch so unwiderstehlich sind wie in unserer Eröffnungsproduktion IRRESISTIBLE REVOLUTION von Ayelen Parolin, die browns Gedanken mit argentinischem Karneval und Protest-Choreografien verknüpft, sind wir der Zukunft – auch im Tanz – schon ein Stück näher. Und auch in der zweiten Produktion in der großen Halle, APRÈS MOI, LE DÉLUGE (NACH MIR, DIE SINTFLUT, vom französischen Sommerfestival All-Time-Favorite-Trio (LA)HORDE und dem Ballet national de Marseille, geht es um eine Welt am Abgrund und den Kampf um eine bessere Alternative. Wie der Mensch, gerade im Augenblick der größten Katastrophe, für das Leben kämpft (und dabei auch noch den Humor nicht verliert), verdeutlichen außerdem zwei weitere Arbeiten: Jacob Jonas, Choreograf aus Los Angeles mit Popstar-Karriere (siehe Rosalía-Referenzen), zeigt als Weltpremiere eine hyperintensive Physical Dance-Trilogie über seine eigene Krebserkrankung und den RESTART danach; Melanie Jame Wolf wiederum gelingt das Bühnenkunststück, aus der eigenen Brustkrebserkrankung einen Comedy-Abend inklusive Shakespeare-Texten zum Tränen lachen und weinen zu machen.
hope! steht auch auf diesem Programmheft, von unserem Grafik-Duo Hanna Osen und Laurens Bauer aus dem Programm destilliert und mit Ausrufezeichen versehen, quasi eine Aufforderung zum Handeln. »Radical Hope« hat der Philosoph Jonathan Lear das beharrliche Hinarbeiten auf eine Zukunft trotz Gegenwarts-Doom genannt: Radikales Hoffen heißt, sich dem Horror der Gegenwart mit Hoffnung zu stellen. Das geht besonders gut, wenn der Horror so gut gemacht ist wie in BURNT TOAST von der norwegischen Triggerwarnungstheatertruppe Susie Wang. Auch hier kommt in einem der vampirhaftesten Augenblicke der jüngeren Theatergeschichte ein sehr kleines Wesen zum Vorschein – natürlich mit dem Namen »Hope«! Den Klassiker der Hoffnungstheorie hat der Philosoph Ernst Bloch mit »Das Prinzip Hoffnung« im US-amerikanischen Exil während des Nazi-Terrors geschrieben. Auch bei ihm ist Hoffen ein aktiver, kämpferischer Akt und verweist auf das radikal Neue, das in der Zukunft möglich ist. Bloch hätte seine Freude gehabt an Ania Nowaks FUTURE TONGUEXXX, das sich mit Sprache und Körpern der Zukunft beschäftigt.
Wie wiederum die Zukunft eines vielfach missverstandenen Körperorgans aussehen könnte, zeigen sowohl der Autor Evan Hugo Tepest in seinem neuen Buch »Sind Penisse real?« ( eine von sechs kostenlosen Lesungen auf der Waldbühne im Avant-Garten), als auch der feministische Nachtclub DICKS von Sibylle Peters und dem Heteraclub auf dem Kiez, diesmal auch für interessierte Schwanzträger*innen – inklusive Nacktputzen als Fluchtweg aus toxischer Männlichkeit. Denn: »Not everything that is faced can be changed, but nothing can be changed until it is faced”, sagte James Baldwin. Das gilt natürlich vor allem für den politischen Aktivismus, mit dem etwa Julija Nawalnaja den Freiheitskampf ihres getöteten Mannes weiterführt und dafür einen Blick in die jüngere Vergangenheit Russlands wirft.
Dass der Weg in die Zukunft oft durch die Vergangenheit führt, zeigt sehr beeindruckend die Philosophin Rebecca Solnit in ihrem Buch »Hope in the Dark«. Sie schreibt, dass Hoffnung zwar die Zukunft betreffe, ihre Grundlage jedoch in den Aufzeichnungen und Erinnerungen der Vergangenheit liege und zitiert George Orwell: »Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit«. Deswegen gehört auch der kritische Blick in die Geschichte zum Wesen der Übermorgenkunst dieses Festivals. Pankaj Tiwari etwa beleuchtet, wie die nachhaltige Landwirtschaft seiner Kindheit in Indien durch die Globalisierung zerstört wurde; Camissa Create und Liz Rech zeigen den Baakenhafen, wo bald neu geopert werden soll, als kolonialen Erinnerungsort (eine von zwei Kooperationen mit der Stadtkuratorin Joanna Warsza); Adam Seid Tahir findet aus Schwarzer, queerer Perspektive utopisches Potential in alten nordischen Mythen; Eszter Salamon zeigt ein feministisches Farbspektakel in Erinnerung an die antifaschistische Künstlerin Valeska Gert; und Joana Tischkau inszeniert mit Jeremy Nedd, Sophie Yukiko und der kubanischen Malpaso Dance Company ein Stück über das legendäre Tropicana-Revuetheater und touristische Bilder.
Um die Zukunft des Tourismus (und die Vergangenheit der Schifffahrt) geht es dann im Stück DAS SCHIFF der Sommerfestival-Stars Nesterval auf der MS Stubnitz im Hafen. Und zu den aufregendsten (und manchmal schlimmsten) Sehnsuchtsorten des modernen Tourismus führt uns der Schweizer Jonas Meier in seinem Film SOCIAL LANDSCAPES (einem von sechs Festival-Kinofilmen im Alabama Kino) mit Musik von Tobias Preisig und Stefan Rusconi. Die beiden stellen dann auch ihr neues Album als Duo LEVITATION am Ort des Entstehens vor, der St. Gertrud Kirche, wo eine kleine Sommerfestival-Reihe Kontakt zu höheren Sphären der Hoffnung bietet und unter anderem auch Bonnie ‘Prince’ Billy spielen wird. Der Jahrhundert-Songwriter singt auf seinem neuen Album: »Broken and bleeding, bruised and accosted / We wonder if there’s hope of winning / And then hope of sleeping, we are so exhausted / And then hope of something beginning.” Blutend am Boden die Hoffnung nicht aufgeben, dass etwas Neues entstehen kann. So wie auch der französische Schauspielstar Vimala Pons in einer Tour-de-Schauspiel-Force von zwei Windkanonen über die Bühne und durch 300 emotionale Zustände geschleudert wird – und mit immer größerer Kraft weiterspielt.
Der Realität ins Gesicht schauen und nicht aufgeben, sondern gerade deswegen weiter machen: In der Kunst hat das kaum jemand so prominent getan wie Nan Goldin, deren THE BALLAD OF SEXUAL DEPENDENCY wir während des gesamten Festivals in Kooperation mit der Hamburger Kunsthalle zeigen — zusätzlich zu einer Performance-Reihe dort mit Arbeiten von Saâdane Afif und Xavier Le Roy. Alle sechs großen Ausstellungshäuser der Kunstmeile Hamburg bespielt dann Raja Feather Kelly mit seinem Stück DOOMERS über das unendliche Scrollen durch negative News im Netz, und im MARKK zeigt Cem A. ein Performance-Duell zur Wissensproduktion.
»Hope in the Dark« zu finden (um nochmal Rebecca Solnits Buchtitel zu zitieren), das schafft die Kunst mit Blick auf die Zukunft. Diese wird auf der ehemaligen Kranfabrik Kampnagel erstmal von Kränen bestimmt: Direkt nach dem Sommerfestival beginnt die Sanierung der Hallen – und für diesen Übergang zu etwas Neuem gibt es natürlich eine große Gala, inszeniert von Christoph Marthaler mit den Symphonikern Hamburg unter Leitung von Sylvain Cambreling. Die Gala als Blick zurück und nach vorne, denn die Geschichte der Avantgarde geht selbstverständlich weiter, auch mit den Konzerten des legendären brasilianischen Musikers Arthur Verocai oder den jung gebliebenen Krautrock-Vorreitern FaUSt – zwei von über 30 Partys und Konzerten dieses Festivals, das mit Rio de Janeiros Rising Star Ana Frango Elétrico beginnt. Wer mit uns auf die alten neuen Zeiten anstoßen will, kann das am besten vor oder nach (na gut, auch: während) der Vorstellungen im Avant-Garten machen — dem hoffnungsvollsten Ort, seit es Festivalvergnügungsparks gibt, mit täglichem Programm auf der Waldbühne, im Migrantpolitan oder von den Festival-everneon-greens JAJAJA. Das war nach 7972 Zeichen noch lange nicht alles. Lesen Sie das Programm, die Zukunft wird kommen — und findet vor allem auch wegen einer Reihe an unermüdlichen Förderern und Unterstützern statt: Danke! Die Hoffnung stirbt nie.
Bis gleich,
András Siebold & Das Sommerfestival-Team


















































