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Vor einer grün gekachelten Wand steht ein weißer Mann in einer schwarzen Jacke. Neben dem Foto ist der hellblaue Bucheinband der Lektüre eingeblendet, der von hinten eine Person mit einem Rucksack zeigt, die von fünf Katzen begleitet wird.
© Christian Werner
Vor einer grün gekachelten Wand steht ein weißer Mann in einer schwarzen Jacke. Neben dem Foto ist der hellblaue Bucheinband der Lektüre eingeblendet, der von hinten eine Person mit einem Rucksack zeigt, die von fünf Katzen begleitet wird.
© Christian Werner

Diasporic Echoes im Avant-Garten

Lesung: Dmitrij Kapitelman "Eine Formalie in Kiew" / Konzert: Hakan Tuğrul & Tayfun Guttstadt

Vergangene Termine

Samstag

20.08.22

18:30 Uhr

Waldbühne

Lesung: ca. 90 Min. / Konzert: ca 90 Min.

Ab 18:30 (Lesung auf Deutsch) »Migration hört eigentlich nie auf«, schreibt Kapitelman, »auch fünfundzwanzig Jahre später wandere ich noch immer nach Deutschland ein.« In »Eine Formalie in Kiew« (Hanser Verlag, 2021) erzählt er die Geschichte zweier ukrainischer Eltern, die einst voller Hoffnung in die Fremde zogen um ein neues Leben zu beginnen, und am Ende ohne jede Heimat dastehen. Und das aus der Perspektive und mit dem bittersüßen Humor eines Sohnes, der stoisch versucht, Deutscher zu werden. Scharfsinnig, berührend und mit einem »untrüglichen Gespür für Pointen« sind Dmitrij Kapitelmans Texte. Nach seinem Debüt »Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters« (Hanser Verlag, 2016) ist »Eine Formalie in Kiew« sein zweiter Roman über kulturelle und familiäre Zugehörigkeit. 25 Jahre nachdem die Kapitelmans die Ukraine verließen und als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, will der Ich-Erzähler Dima darin die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Die zuständige Beamtin verlangt eine Apostille aus Kiew, in diesem Falle die Beglaubigung seiner Geburtsurkunde. Also reist er in seine Geburtsstadt, mit der ihn nichts mehr verbindet, außer Kindheitserinnerungen an seine damals noch glücklichen Eltern – inzwischen ist er mit ihnen zerstritten. »Mit leichter Hand, voll Ironie und Sarkasmus«, in seinem unverwechselbaren Sound beschreibt der preisgekrönte Autor das Gefühl der Entfremdung, die unerfüllten Hoffnungen und Träume der Eltern und den Weg durch den Bürokratie-Dschungel, der ihn am Ende wieder mit seinen Eltern zusammenführt. »Sein Roman ist eine ‚schmerzsozialisierte‘, dabei unverhohlen zärtliche Liebeserklärung an ein Elternpaar, dem es nicht gegeben war, in Deutschland heimisch zu werden« (Deutschlandfunk Kultur).

Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kiew geboren, kam im Alter von acht Jahren als »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist. 2016 erschien sein Debüt »Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters«, für das er den Klaus-Michael Kühne-Preis gewann. Für sein zweites Buch »Eine Formalie in Kiew« (2021) wurde Kapitelman mit dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet. Kapitelman schreibt unter anderem für die taz und DIE ZEIT, seine Reportagen und Essays fokussieren oft Fragen des staatlichen und gesellschaftlichem Umgangs mit Rechtsextremismus, Migrationspolitik und daran angrenzende Konfliktfelder.

Ab 20:30 Der Multiinstrumentalist Tayfun Guttstadt verbindet Hip Hop und Trap mit klassischen Vibes aus dem Mittleren Osten, mischt traditionelle Poesie mit Rap und wechselt zwischen bekannten Melodien und Live-Improvisation. Den Abend gestaltet er gemeinsam mit dem in Istanbul geborenen Komponisten und Santur-Musiker Hakan Tuğrul.


Eine dreiwöchige Veranstaltungsreihe vereint mit Lesungen und Konzerten diasporische Stimmen auf der Waldbühne unter Birkenbäumen.

Selten hat es in Europa eine so große Welle der Solidarität und Offenheit gegenüber Schutzsuchenden gegeben, wie sie aktuell im Kontext des russischen Angriffskriegs in der Ukraine zu spüren ist. Weil wir diese Energie lieben und sie uns für alle wünschen, die ihre Heimat verlassen müssen, präsentiert das Sommerfestival in Kooperation mit der ZEIT Stiftung und dem NDR jeden Donnerstag bis Samstag Autor*innen und Musiker*innen, die von Umbruchzeiten und Vertreibung, von der Suche nach Zugehörigkeit, und von globalen politischen und familiären Verflechtungen erzählen. Jeder Veranstaltungsaben beginnt mit einer Lesung inklusive Autor*innengespräch mit NDR Moderator*innen und geht mit akustischen Konzerten im kleinen Rahmen weiter, die von Anas Aboura und Alexei Volinchik programmiert wurden.

Nahaufnahme von Dimitrij Kapitelman: er hat kurzes, dunkelblondes Haar und einen Dreitagebart und trägt ein dunkelblaues Hemd über einem schwarzen Shirt. Im Hintergrund grünlich glänzende Fließen.
© Christian Werner
Buch Cover von "Eine Formalie in Kiew": Eine in Blautönen gehaltene Zeichnung eines Mannes mit Rucksack, der durch eine Straße geht, links sind Gebäude angedeutet. Zu seinen Füßen liegen und laufen mehrere Katzen.
© Hanser Verlag
Hakan Tuğrul steht mit seinem Instrument, der Satur, in einer Wiese mit hohem Gras. Er trägt ein gelbliches Hemd, einen Vollbart und langes, im Nacken zusammengebundenes Haar und lächelt fröhlich zur Seite.
© Joanna Furgal
Tayfun Guttstadt sitzt mit einem kleinen Mischpult und zwei länglichen Blasinstrumenten auf einem alten Fernsehgerät und schaut lässig in die Kamera. Er trägt eine dunkle Cap, ein grünes T-Shirt und eine beige Hose.
© Tayfun Guttstadt

Dimitrij Kapitelman

Hakan Tuğrul

Tayfun Guttstadt


Lesung: Dmitrij Kapitelman

Gespräch: Dmitrij Kapitelman, Jürgen Deppe (NDR Kultur, Moderation)

GEFÖRDERT von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

IN KOOPERATION mit NDR Kultur